familienzuschlag

Zeit

Die Zeit rennt mir davon.

Es gibt Phasen im Leben, die ziehen an einem im Schnelldurchlauf vorbei.

Das geht mir momentan so und ich finde die Stop-Taste nicht. Gerade im Schulalltag verfängt man sich schnell im schulischen Rhythmus, der von Ferien, Konferenzen, Klausuren und all den anderen Terminen strukturiert wird. Den Rest des Lebens passt man an. Eigentlich sollte es doch anders herum sein. Nicht Leben an Arbeit anpassen, sondern Arbeit an Leben. Schöner wäre es zumindest.

Tief durchatmen

Das versuche ich momentan immer wieder. Inne halten und mit bewusst werden, wo ich stehe. Die guten Momente und schönen Ereignisse wieder vor mein inneres Auge rufen, um Energie zu sammeln. So wie jetzt gerade in diesem Moment.

Von Beginn meines Referendariat bis jetzt wurde mantraartig immer wieder folgender Satz gesagt: „Das Schuljahr ist extrem kurz.“

Ja. Und? Dann ist es schneller vorbei. Ist doch schön.

Nein. Es ist nicht schön. Es ist schön, dass bald Ferien sind. Es ist schön, dass die Sonne wieder scheint. Es ist schön, dass Mai und bald Juni ist. Aber nicht schön ist, dass das Schuljahr kurz ist. Denn dadurch hat man noch weniger Zeit für irgendwas. Schließlich strukturiert die Schule, durch ihre festen Strukturen und Regeln die Zeit. Auch, wenn das Schuljahr kurz ist, heißt das nicht, dass man in der Schule großartig flexibel darauf reagieren kann. Die Projekte an denen ich beteiligt bin reizen die Möglichkeit der Flexibilität schon voll aus. Aufführungen werden auf nächstes Schuljahr verschoben, Vorhaben gestrichen, Unterrichtsplanungen angepasst. Aber viel mehr geht nicht. „Mensch, die armen Schüler haben so viele Klausuren – verschieben wir die Zeugnisvergabe doch auf August.“ Das geht nicht. Nicht in der Schule.

Aber so ist Schule nun mal. So ist die Realität von SchülerInnen und LehrerInnen. Und es gibt auch Schuljahre, die „entspannter“ sind. Sagt man.

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb merke ich, wie ich an meine Grenzen komme. Immer häufiger denke ich: „Das geht so nicht.“ oder „Ich bin überfordert“ oder „Die Situation so wie sie jetzt ist, die macht mich nicht glücklich.“

Und diese Gedanken haben nichts mit meiner Lehrerrolle zu tun, sondern mit der Kombination von Referendariat, Kind und unseren privaten Strukturen zuhause. Denn alle drei Faktoren fordern von mir eine gemeinsame Sache: Funktionieren.

Ich funktioniere. Zufriedenstellend.

Ich frage mich immer wieder an welcher Stelle in meinem Leben „ICH“ eigentlich stehe. Mit welcher Priorität ich dem „ICH“ etwas Gutes tue. Und momentan sieht das traurig aus. Mir fehlt Zeit, mir fehlt Energie. Alle Zeit und Energie, die ich habe, fließt in Kind, Job und Alltag. Das ist auch in Teilen vollkommen in Ordnung so, denn Zeit und Energie für mein Kind aufzubringen bedeutet häufig auch mir etwas Gutes zu tun. Aber trotzdem ist es auch manchmal anstrengend diesen zweiten Alltag mit seiner Routine und seinen Strukturen zu bewältigen. Eben nicht nur meinen sondern auch ihren. Das gehört zum Mama-Sein dazu und ich wünschte mir dennoch an manchen Stellen, dass der Papa auch hier regelmäßigere Aufgabenfelder übernehmen könnte. Ich wecke sie morgens, ziehe sie an, mache ihr Frühstück auch für die Kita, bringe sie hin, hole sie ab, kümmere mich den Rest des Tages um sie, mache Essen für uns alle, kaufe evtl. noch ein, bringe sie abends ins Bett, bin nachts für sie da. Bei uns ist das so und es geht nicht anders. Trotzdem ist das viel: Viel Verantwortung, viel Energie, viel Gedankenspeicher, den ich aufbringen muss, um an alles zu denken. Denn zwischendurch bin ich auch noch „Ich“ und dann auch noch Referendarin. Und ich kann meinen Ehrgeiz weniger zurückstellen als ich mir manchmal wünschen würde.

Ich habe größten Respekt vor allen alleinerziehenden Müttern, die es dann auch noch schaffen arbeiten zu gehen. Wirklich. Größten Respekt.

Der Herzenskerl wird ab September deshalb Home Office Zeiten beantragen. Dann ist er wenigstens an einem Tag hier vor Ort. In der gleichen Stadt wie wir. Wenn das auch nicht klappt – nicht für ihn und uns, dann wird er seine Stunden reduzieren. Er musste mich dazu überreden, ich war erst skeptisch. Aber ich glaube, er hat recht: Unser Leben sollte kein Kraftakt sein. Er möchte mich mehr unterstützen. Dafür bin ich dankbar.

Die Zeit rennt mir weiter davon.

Das Leben läuft weiter. Und es hält nicht mal inne nur, weil ich mir das wünsche. Es wird wieder Zeiten geben zu denen ich die Momente mehr genießen und mehr wahrnehmen kann. In den Ferien zum Beispiel. Aber ich merke jetzt schon: Ich muss an meinen Alltagsbewältigungsstrategien arbeiten. Ich muss suchen, wie und wo ich noch optimieren kann, um mir Pausen zu verschaffen. Und ich rede hier nicht von „mal nicht staubsaugen“. Über den Punkt bin ich schon hin weg. 😉 Ein durchschlafendes Mädchen wäre so ein Optimierungspunkt aber daran schraube ich nicht. Das kommt von alleine, wenn sie dafür bereit ist. Es geht hier viel mehr um mich als „Ich“. Ich muss an meinen Einstellungen und Erwartungen an mich arbeiten. Ich muss zufrieden sein mit dem was ich leisten kann und darf nicht mehr das Pensum, das Engagement von meinen kinderlosen Zeiten erwarten. Ich weiß das. Aber mein Herz spielt da noch nicht ganz mit.

Ich weiß, was wichtig ist. Und ich weiß auch, was mir wichtig ist. Darauf muss ich meinen Fokus nur von Zeit zu Zeit nochmal schärfer ausrichten und mir sagen, dass sie alles ist was jetzt gerade zählt.

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11 Kommentare zu „Zeit

  1. Ich kenne diese Zeit ja nur aus kinderloser Perspektive und kann mir nicht annähernd vorstellen, wie heftig es sein muss, das Ganze noch mit Kind durchzuziehen. Das stelle ich mir unglaublich anstrengend vor.
    Was ich aber weiß, weil es jedes Jahr wieder so war und insbesondere bei „kurzen“ Schuljahren: Genau dieser Zeitraum jetzt gerade zermürbt jeden Lehrer. Man kann regelrecht dabei zuschauen, wie die Stimmung im Lehrerzimmer in den letzten Wochen vor den Sommerferien merklich kippt. Jeder war gereizter und genervter. Auch ich selbst fühlte mich immer, als würde ich bald völlig ausbrennen. Wenn sich noch eine Person über die lange Zeit der Sommerferien lustig macht und wie gut man es als Lehrer hätte, dann wünsche ich demjenigen mal genau diese Zeit mitzumachen und das Ganze dann noch einmal zu wiederholen 😉
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft! Du packst das, da bin ich mir sicher. Strukturen so zu überdenken, dass noch mehr Zeit für einen selbst übrig bleibt ist nie falsch. Ich glaube aber auch, dass die Sommerferien auch schon helfen werden, dass du dich wieder besser fühlst 🙂 Auf jeden Fall drücke ich dir ganz fest die Daumen!

    Liebe Grüße
    Steffi

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  2. Wie schön, dass dein Mann dich da so im Blick hat. Eine sehr gute Idee von ihm, die wirklich etwas Luft schaffen wird und euch etwas mehr gemeinsame Zeit beschert.

    Zum Rest kann ich noch nichts sagen, was die Erfahrungswerte angeht. Aber ich denke, dass zu großer Drang nach Perfektionismus, zu hohe Erwartungen an sich selbst hier wirklich Gift sind. Das ‚runterzuschrauben‘ und sich und die eigenen Möglichkeiten realistisch zu betrachten und dann mit dem, was man als Ergebnis produziert wirklich zufrieden zu sein … das ist etwas, was ich sehr gut verstehe.

    Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Fokussierung 🙂

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  3. Du arbeitest jetzt wieder Vollzeit?
    Die Idee deines Mannes ist super, und es ist eine harte Zeit… ich glaube, die größte Herausforderung ist unter dem Druck, sein Kind nicht „zum Funktionieren“ bringen zu wollen, sondern ihm seine Zeit zu geben und es frei von Erwartungen zu halten. Ich finde, du machst das echt super! Ansonsten kann ich nachvollziehen, dass man bei der Arbeit auch nicht weniger gute Ergebnisse haben will, aber man hat ja nur 24 h am Tag… Ich fühle mit dir!

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    1. Ja, im Prinzip schon nur, dass ich in meinem neuen Fach noch keinen eigenen Unterricht habe. Aber ich bin mit meinem ersten Fach momentan an zwei Schulen und unterrichte seit Anfang Mai noch in einer 7. Klasse an einer IGS. Das ist eine zusätzliche Belastung, die zwar auch viel Spaß macht, aber ich eben dadurch noch mehr Stunden habe und Montags zwischen beiden Schule pendeln muss.
      Carli ist ehrlich gesagt auch mein einziger koninutierlicher Ausgleich, indem ich sie so annehme wie sie ist und ihr ihre Zeit gebe, entschleunigt sie mich auch auf vielen Ebenen. Momentan versuche ich zb. alle Arbeiten bis 14h erledigt zu haben, um dann nur noch Zeit für sie zu haben. Was ich nicht schaffe, bleibt dann eben liegen.
      Ich weiß auch, dass es wieder anders wird. Ich verliere mich nur irgendwie so in diesen ganzen Aufgaben und würde mal kurz aussteigen und reflektierten. Mal in der Sonne 2h ein Buch lesen und Kaffee trinken. Das muss noch 4 Wochen warten, aber dann!

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  4. Liebe Juli,

    ich bin mir sicher, dass du es schaffen wirst deine wahren Ziele besser fokussieren zu können! Und ich finde es wirklich sehr toll, dass dein Mann dich entlasten will und es von sich aus auch angeboten hat. Das ist Gold wert…
    Bei mir wird das wohl nie so sein, aber dafür habe ich mich oder wir uns für einen anderen Weg entschieden, in dem das finanziell nicht möglich ist. Man kann nicht immer alles haben, aber versuchen das Beste daraus zu machen. Manchmal klappt es, manchmal nicht.
    Ich sitze gerade in trauter Zweisamkeit – Schulter an Schulter – mit meinem Mann am Tisch: er arbeitet, ich networke, lese Blogtexte und schreibe was für meinem Blog…
    Ich genieße jetzt einfach, dass er in meiner Nähe ist, ich seinen ruhigen Atem höre und mich irgendwie geborgen fühle ❤

    Liebe Grüße
    Mother Birth

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  5. Du sprichst mir einfach, wie so häufig, direkt aus der Seele! Ich habe es jetzt geschafft-alle Lehrproben sehr gut abgeschlossen und seit April nur noch 14 Deputatsstunden an zwei Schulen ohne zusätzliches Seminar etc! So langsam finde ich wieder zu mir und merke dass ich wieder ins Leben eintauche!!! Ich hatte aber oft das Gefühl in den letzen Monaten, die wirklich nur noch aus Funktionieren bestanden, dass es einfach ein Unding ist, die wertvolle Jetzt-Zeit so verstreichen zu lassen mit der Hoffnung auf bessere Zukunfts-Zeit! Denn die Kinder sind nur jetzt in genau diesem Alter und meine Lilli hat es wirklich gespürt, das habe ich erst so richtig wahrgenommen, als die heftige Zeit vorüber ging. Auch von ihr fiel richtig die Last von den Schultern und sie ist total aufgeblüht! Und nun geniessen wir einfach nur noch und ich lass mich überhaupt nicht mehr stressen!!! Aber ich denke es wird im Leben immer Zeiten geben, in denen wir nur auf die nächsten Ferien hinfiebern! Und die kommen-ganz bestimmt!!!

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